17.11.1982 - Margret Muentzenberg schrieb zur Vorgeschichte...
UND
Im Diakonischen Werk Kassel bildete sich seit 1964 ein spezielles Arbeitsfeld -- Hilfe und Betreuung für psychisch Kranke -- heraus. Es handelt sich um eine offene Arbeit, die in Form von Einzelhilfen und Gruppen angeboten wird. In diesen 2o Jahren be- mühten sich die therapeutischen Helfer um ein großes Maß an Gemeinsamkeiten mit den Betrof- fenen. Es galt, Krankheit nicht als eine Gegebenheit auf Lebenszeit hinzunehmen, sondern alle bekannten Möglichkeiten zur Aktivierung geistiger und körper- licher Kräfte einzusetzen. Die Kontaktgruppe war zunächst ein relativ kleiner Kreis -- wir zählten in den ersten Monaten nur 17 Mitglieder -- der sich mit Engagement der Förderung seelischer Gesundheit verschrieben hatte. Wir haben zeitweise jüngere Psychiater, Psychologen und Theologen für unsere Ideen und zur therapeutischen Mitarbeit gewinnen können. Im übrigen handelt es sich bei diesem Zu- sammenschluß von seelisch gesunden und kranken Menschen zu einer Kontaktgruppe um das erste Modell in der Bundesrepublik. Viele Menschen, die durch Vormundschaft oder Pflegschaft über Jahre einen schweren Leidensdruck empfunden hatten, fühlten sich in unserem Kreis bestätigt und wieder vollwertig. Die Gruppe hat in vielen Jahren wech- selnde Aktivitäten verfolgt, ohne jemals um eine Verfestigung einer gemeinsamen Tätigkeit bemüht zu sein. Die Formen haben häufig gewech- selt, während unser gemeinsames Ziel -- Förderung der seelischen Gesundheit -- erhalten blieb. Es trafen sich Männer und Frauen aller Altersgruppen. Einige Zeit waren jüngere Menschen, vorwiegend junge Männer, in der Überzahl. Dann wieder wechselte die Beteiligung. So trafen wir uns etwa zwei Jahre lang gesondert in einem kleinen Gesprächskreis, dem nur Frauen angehörten. Ein Kreis früherkrankter jüngerer Men- schen ist etwa drei Jahre lang regelmäßig zum Gespräch zusammengetroffen. Die drei offenen Gruppenabende, dienstags, donnerstags und freitags, finden nach wie vor ohne einen Ausfall statt. Was auch immer durchgeführt wurde, sollte von allgemeinem Interesse sein. Ob nun musiziert, gemalt, gewerkt oder gewandert wurde oder der Kreis beim Tee seine Gespräche führte, es blieb immer vorrangig die Absicht, mit dem allen eine Entwicklung der Persönlichkeit des einzelnen Gruppenmitglieds zu verbinden. Die Kontaktgruppe hat im übrigen nie die Verbindungen nach außen - etwa zu kirchlichen oder politischen Gemeinden - gescheut, und auf diese Weise haben sich die Gruppenmitglieder, ob seelisch stabil oder labil, im Umgang mit anderen Menschen einüben können. Schon Jahre vor der Gründung unseres Kontaktladens haben wir in großer Regelmäßigkeit Bazare ausgestattet und besonders in den Kirchenge- meinden das Landkreises an Festen teilgenommen. - 1979 wurde zum ersten Mal im Früh- jahr der Gedanke an eine neue Aktivität gefaßt. Die Kleiderannahme und -ausgabe des Diak. Werkes hat zu dieser Idee Pate gestanden. Ein flüchtiger Gedanke nahm feste Formen an, als wir über ein Zeitungs- inserat auf die freien Ladenräume in der Kunoldstr. 22 aufmerksam wurden. Ein schneller Entschluß führte zum 1. Juli zum Abschluß des Mietvertrages. Gleichzeitig wurde die Gründung eines eigenen Vereins betrieben. - In gemeinschaftlicher Arbeit renovierten wir die stark abgewirtschafteten Laden- räume und legten erste Waren aus, die wir von Basaren unserer früheren Veranstaltungen zurückbehalten hatten. An den Renovierungsarbeiten, die übrigens rund um die Uhr ausgeführt wurden, beteiligten sich viele Gruppenmitglieder. Die Eröffnung war uns wichtig, weil die erste Ladenmiete neben hohen Material- kosten persönlich getragen werden mußte. Nach abgeschlossener Renovierung trafen wir unsere ersten Planungen. Mindestens jeweils 2 Gruppenmitglieder sollten den Ladendienst morgens, zwei andere nachmittags übernehmen. Wir legten die Öffnungszeiten montags bis freitags von 10-13 und 15-18 Uhr fest. Bis zum heutigen Tag wurde der Ladendienst ganz kontinuierlich versehen, obgleich die Besetzung häufig -- wegen Krankheit oder Reisen -- recht schwierig durchzuführen war. Es war auch vorauszusehen, daß nicht alle, die unser Gemeinschaftsprojekt vorbereitet und gestaltet hatten, dabeibleiben würden. Zunächst wurde aber deutlich, daß sich die Gruppe zu spalten begann. Die sich für den Ladendienst einplanten, nahmen meist nicht mehr an den offenen Gruppenabenden in der Hermannstraße teil. - Wir hatten vorgesehen, daß für den Ladendienst wöchentlich 20 Mitarbeiter im Einsatz sein sollten. Nach einiger Zeit waren diese Kräfte aus den Reihen der Kontaktgruppe nicht mehr zu stellen. Psychisch Kranke fühlten sich durch den doch recht intensiven Arbeitseinsatz überfordert. Was anfänglich wie eine überaus unterhaltsame und abwechslungsreiche Beschäftigung aussah, war bei genauerem Hinsehen schwere Arbeit. Es mußte laufend geräumt und sortiert werden. Der Umgang mit unseren Kunden -- zunächst fast nur Ausländer des Stadtteils -- wurde häufig problematisch.
Ein immer größer werdender Kundenkreis mit vielerlei Ansprüchen erforderte auch immer mehr Flexibilität, zumal die Arbeit im ständigen Wechsel der Mitarbeiter besonders hinsichtlich der Preisgestaltung, aber auch beim Kundengespräch vielfältige Anforderungen an jeden Mitarbeiter stellt.So kam eine neue Phase der Suche nach geeigneten Mitarbeitern, die eine ehrenamtliche Tätigkeit auf Dauer zu übernehmen bereit und in der Lage sein würden. Es lag aus geographischen Gründen nahe, daß wir unseren Laden zunächst in der Kirchengemeinde Wilhelmshöhe vorgestellt haben. Im Rahmen eines Gottesdienstes wurde uns Zeit für eine persönliche Bekanntmachung eingeräumt.So gelang es, Kirchenbesucher zu ersten Sachspenden zu motivieren. Bis heute haben wir aus Wilhelmshöhe einen festen Kreis von Menschen, die an unserer Arbeit interessiert sind.
Die erste Spende aus dem Ladenerlös wurde in einer von uns ausgerichteten festlichen Stunde dem Geschäftsführer des Diak. Werkes übergeben. Es waren l000 Mark, die ein Defizit abdeckten, das bei einer Sommerfahrt von Kasseler Jugendlichen mit Betreuern der Familienberatung entstanden war.Selbstverständlich hatten wir mit dieser Aktion u.a. Hoffnungen verknüpft, daß uns vom DW aus dem Überfluß der ständig eingehenden Spenden ein Anteil für unsere Arbeit zugestanden würde. Denn den Mitarbeitern dieser Einrichtung ist bekannt, daß sehr viele für uns durchaus verwendbare Materialien als Lumpen an den KasselerGroßhändler Trillhoff zu einen Minimalpreis abgegeben werden. Doch haben wir uns in dieser Hinsicht getäuscht. Doch geben uns einige Mitarbeiter des DW regelmäßig ihre eigenen abgelegten Textilien für die Verwendung in unserem Laden, weil sie wissen, daß wir für die Ausgestaltung des Abenteuerspielplatzes in drei Jahren mehr als DM 7000.-- aufgebracht haben. - Im Frühjahr 1982 wurde eine Behindertenfreizeit des DW von uns mit einer großen finanziellen Beihilfe ermöglicht. - Überhaupt läßt sich sagen, daß diese Stetigkeit der Arbeit reiche Frucht trägt. Die sich unserer Ladengemeinschaft verschworen haben, wissen, daß sie mit ihrem oft harten Dienst auf einem unscheinbaren Wirkungsfeld dazu beitragen, daß es in dieser Welt in einigen Bereichen menschlicher und friedlicher zugeht. - So ist ein Projekt, für das sich jeder gern und mit allen Kräften einsetzt, die Wegrandpraxis in Bolivien, für die wir schon mehr als DM l0 000.-- aufgebracht haben. Dort arbeitet eine deutsche Ärztin seit Jahrzehnten für Randgruppen von Hochlandindianern, die wegen Hunger und Krankheit dringender Hilfe bedürfen. - Im September 1982 hatten wir die Freude, Frau Dr. deTichauer aus La Paz an einem Nachmittag in unserem Kreis kennenzulernen. Ihre Berichte bewirkten den spontanen Entschluß, hierfür noch mehr als bisher zu tun, zumal sie einen Vormittag vor ihrer Abreise unserem Laden geschenkt hat, um unseren Arbeitseinsatz mit herzlichen Worten zu würdigen. - Wir haben Weihnachten 1980 die Operationen von mehr als 100 früherblindeten Afrikanern bezahlt. Für Kap Anamur und ein Hungerager in Somalien wurden Große Summen bereitgestellt. Eine krebskranke Türkin in Ankara erhielt unter Einsatz des DRK durch uns Medikamente iin Werte von mehr als l000 Mark zur Behandlung und Linderung ihres schweren Leidens. - Doch auch gegen die Not in unmittelbarer Nähe setzten wir uns ein. Eine Familie konnte finanziell saniert werden, nachdem die Eltern aus stationärer psychiatrischer Behandlung zu ihren fünf Kindern heimgekehrt waren. - Einem Vierzigjährigen wurde nach zwanzigjähriger Arbeitslosigkeit, hervorgerufen durch psychische Störungen, der Erwerb des Führerscheines ermöglicht. Inzwischen arbeitet er an einem von uns vermittelten Arbeitsplatz in seinem handwerklichen Beruf seit mehr als zwei Jahren erfolgreich. - Eine Gruppe schwerstbehinderter Kasseler Kinder fuhr im Sommer 1981 auf unsere Kosten in Ferien. - 56 polnische Besucher erhielten DM 2800.-- als Gastgeschenk, um gute Erinnerungen von ihrem Besuch in der Bundesrepublik mit heimnehmen zu können. - Letzthin konnten wir einem Nigerianer vor seiner Heimreise mit DM 5oo.-- helfen, für den sich die ev. Kirchenleitung in Kassel bei uns eingesetzt hatte. - Selbstverständlich müssen alle Hilfen vorher sorgfältig bedacht und die Situationen geprüft werden. Auch können Einzelhilfen in der Öffentlichkeit nicht bekanntgegeben werden, weil wir sonst ständigen Bitten auf finanziellen Beistand ausgesetzt wären. Doch ist unser Laden mit seinen extrem niedrigen Preisen für viele zu einer ständigen Hilfe geworden. Wo kann man sonst schon einen guten Wintermantel für Dm 20.-- oder einen erstklassigen Anzug für DM 25.-- erwerben. Studenten, Schüler, sozial schwache Familien und Menschen, die alternativ und ohne Beteiligung an unserer Überflußgesellschaft leben wollen, gehören zu unseren regelmäßigen Besuchern.